„Auf historischen Spuren des jüdischen Italiens“
Reise-Rückblende: Basel-Bergamo-Ferrara-Venedig und zurück
Historisch inspiriert und glücklich, kehrten kürzlich 15 Teilnehmende von einer lang geplanten Reise aus „Bella Italia“ zurück. „Bella“, denn alles war stimmig und bis ins kleinste Detail organisiert. Auch die einladenden Landschaften der Lombardei, Emilia Romagna, die weiten tiefgrünen Reisfelder der Poebene, die enorme Lagunenlandschaft um Venedig, so wie das feine Essen und die Begegnung, der Austausch mit jüdischen Menschen und die Führungen durch eine Vielfalt von Synagogen waren beeindruckend und bereichernd. „Bella“ auch, das wurde uns bewusst, weil Italien vom Mittelalter an ein „sicherer“ Hafen für verfolgte und vertriebene Juden aus ganz Europa war. So fanden sie z.B. Schutz unter dem Adelsgeschlecht d‘ Este in Ferrara. Unter ihrer Herrschaft konnten sie in relativer Freiheit ihren Berufen nachgehen und ihre Religion ausüben.
Aber fangen wir doch ganz von vorne an: Zügig und zeitgenau brachte uns die SBB von Basel nach Lugano, wo bereits ein Reisebus für die Weiterfahrt nach Bergamo auf uns wartete. Dort wurden wir zu einem Treffen mit Mittagessen von Eva, der Vorsitzenden der kleinen progressiven jüdischen Gemeinde „Har Sinai“ erwartet. Dabei fand ein reger Austausch statt, dem eine Einladung zu Migwan folgte.
Nach der Verabschiedung ging es weiter nach Ferrara, einer grossen Renaissance-Stadt der Emilia Romagna, bekannt durch sein massives Castello, Wahrzeichen der Adelsfamilie d’Este, welche von 1264 bis 1597 die Region regierte. Die Fassade der Synagoge/n trägt eine Gedenktafel. Unter kundiger Führung stiegen wir die Treppen hoch zu den Innenräumen der Scola Tedesco (deutsche Synagoge) von 1603, der Scola Italiano von 1485 (italienische Synagoge) und der spanischen Synagoge, von 1548. Die Atmosphäre hier war geradezu überwältigend, sodass Bracha und Orah ganz spontan das Lied Shir ha Shirim in bestem Sopran sangen. Das Gebiet mit dem antiken „Ghetto“, das im 17. Jhd. eingerichtet wurde zieht sich über drei Vias hinweg, wo auf den Höfen, in den geheimen Gängen und den suggestiven Balkonen das intensive Leben des einstiegen Ghettos pulsierte.
Doch was wäre Ferrara ohne an Giorgio Bassani zu erinnern, der Autor, der den Stoff für den Film: Der Garten der Finzi – Contini (1970) schrieb. Unter dem faschistischen Mussolini – Regime wurde Ferrara in den 1940 Jahren heimgesucht und auch hier wurden fast 200 Juden entrechtet, deportiert und in den Tod geschickt.
Judith Wipfler, wie immer historisch vorbildlich vorbereitet, führte uns nochmals Geschichtliches vor Augen und zeigte anschliessend diesen berühmt-berührenden Film.
Giorgio Bassani fand seine letzte, selbstgewählte Ruhestätte in der hintersten Reihe des jüdischen Friedhofs, nahe der Stadtmauer, versehen mit einer aussergewöhnlichen Metall-Stele.
Ein weiterer Programmpunkt beinhaltete den Besuch des Nationalmuseums des Jüdischen Italiens und der Shoa, ein moderner Gebäudekomplex, der auf dem Gelände eines ehemaligen Gefängnisses erbaut wird und erst teilweise zugänglich ist.
Am dritten Tag führte uns der Bus schliesslich nach Venedig. Wie auf allen Fahrten, durften wir auch hier immer wieder kurze, reiserelevante Beiträge und Musikalisches jüdischer
Meister, die hier ihren Ursprung hatten geniessen, was den Blick in die Landschaft noch bereicherten. Chapeau! an Sybille und Judith für die perfekt durchdachte Reise-Regie.
Ein willkommener Abstecher führte uns in das stille Lagunen-Städtchen Comacchio, das seinem Ruf als „Kleines Venedig“ gerecht wird und ein gut aufgestelltes Museum im Renaissancestil besitzt. Dort darf man über die Überreste eines Handelsschiffs staunen, das im Lagunenschlamm stecken blieb, sodass sein gesamter Inhalt von Wein- und Ölamphoren bis hin zu persönlichen Besitztümern fast unversehrt erhalten blieb.
Der krönende Abschluss jedoch sollte Venedig, mit dem jüdischen Ghetto und seinen fünf prächtigen Synagogen sein, wovon aus baulichen Gründen nur drei zugänglich waren. Anders als die Ghettos des Nationalsozialismus gleicht dieses eher einem kleinen Dorf mit Plätzen, Bäumen, Restaurants, und kleinen Geschäften. Da und dort sieht man Männer mit Kippa, Talit und Tefilin. Im Koscher Restaurant „Ba Ghetto“ durften wir ein feines Mittagessen geniessen.
Das Ghetto wurde 1516 durch ein Dekret des Senats der Republik Venedig als erstes seiner Art errichtet. Zwei weitere kamen 1541 und im 17. Jhd. durch Zuzug weiterer Gruppen hinzu. Nebst den Aschkenasen, lebten später sephardische Juden, aus Spanien und Portugal kommend und jene aus der Levante (östliches Mittelmeer). Im Jahre 1797 öffnete Napoleon die Tore des Ghettos, womit die Wohnpflicht und nächtliche Ausgangssperre für die dortigen Juden endete und sie auch die Bürgerrechte erhielten. Unter der Führung eines Deutsch sprechenden Synagogen-Guides besuchten wir die italienische, die sephardische und jene der levantinischen Juden. Die jüdische Gemeinde von Venedig umfasst heute ca. 450 Mitglieder, davon leben nur noch 17 Familien im ursprünglichen Ghetto.
Unser letzter Besuch galt dem jüdischen Friedhof am Lido di Venezia, den wir per Vaporetto erreichten.
Kleiner Tipp: Wer herrliche Judaica aus Murano-Glas liebt, ist bei „DAVID“, gleich am Hauptplatz bestens bedient.
Abschliessend geht unser Dank an: Sybille Benz-Hübner (Spezialistin für Geschichtsreisen), für ihre umsichtige, professionelle Organisation. Ihre gute Hotel- und Menüwahl (immer auch Unverträglichkeiten beachtend!) und ihre stets detaillierte Information.
An Dr. h.c. Judith Wipfler (SRF Religionsexpertin), für ihre immer am rechten Ort zur rechten Zeit historischen Geschichtsbeiträge, erheiternden Poesielesungen und musikalischen Einspielungen.
An Orah Mendelberg (Migwan-Kulturbeauftragte) Brückenbauerin und Mitorganisatorin.
Orah Mendelberg mit Cornelia Kempke

