Rabbinat Nachrichten

Was hinter uns liegt

 

In unseren Newslettern blicken wir gewöhnlich nach vorne. Doch diesmal möchte ich über das sprechen, was hinter uns liegt.

Und zuallererst möchte ich sagen: Danke.

Danke, dass ihr gekommen seid. Dass ihr da wart. Und dass ihr immer wieder gekommen seid.

Vom Abend in die Nacht, von der Nacht in den Tag und vom Tag wieder in den Abend und die Nacht. Ein vollständiger Kreislauf der Zeit, in dem unsere unterschiedlichen Lebenswege für einen Augenblick dieselbe Umlaufbahn teilten.

Und dieser Kreis hatte Gesichter. Er hatte Stimmen, Ideen, Interpretationen und Sprachen. Manche von euch waren die ganze Zeit dabei, manche kamen zum ersten Mal, andere kehrten nach Monaten oder Jahren zurück. Alle brachten etwas Eigenes mit: ein frisches Lächeln, eine Geste, einen Gedanken. Was uns alle verband, war unsere Präsenz, unser Zusammensein bei Migwan – wörtlich „in Vielfalt“.

Danke, dass ihr in eurem Leben Raum dafür geschaffen habt, dass ihr Arbeit, Verpflichtungen und die unzähligen Anforderungen des Alltags beiseitegelegt habt. Dass ihr euch entschieden habt, da zu sein.

Am Morgen nach Jom Kippur begleitete mich dieses Gefühl der Präsenz weiter. Ich ging durch Basel, und die Welt erschien mir auf eine seltsame Weise wunderschön. Die Strassen, die Gebäude, das Licht – alles war präsent. Ich war präsent. Ein Baum berührte mich zutiefst, die Stille, eine menschliche Geste.

Im Hebräischen gibt es ein wunderschönes Wort: nechocha (נכוחה). Etwas unmittelbar betrachten, es so sehen, wie es ist, in seiner Wahrheit, in seiner vollen Präsenz- nochechut (נוכחות).

So fühlte ich mich in der Welt nach Jom Kippur. Der andere Rhythmus dieses Tages, die Zeit, die wir miteinander geteilt hatten, die einfache Erfahrung, gemeinsam in unserer eigenen kleinen Blase reiner Präsenz zu sein – all das hatte etwas in mir hinterlassen: ein neues Gefühl der Präsenz in der Welt, die Fähigkeit, sie anders zu sehen, neu, nechocha.

Und vielleicht verstand ich gerade deshalb plötzlich, dass Jom Kippur nicht mit Ne’ila vollendet ist. Er vollendet sich erst am nächsten Morgen, wenn wir in die Welt zurückkehren. Erst dann schliesst sich der Kreis.

Unser gemeinsamer Tag war zu Ende gegangen, doch etwas davon bewegte mich weiter und prägte die Art, wie ich der Welt begegnete. Der Kreis, den wir bei Migwan gemeinsam geschlossen hatten, weitete sich immer weiter aus- durch die Strassen von Basel, dann bis nach Berlin und schliesslich bis nach Hause.

Dafür möchte ich euch danken. Dass ihr mich auf diesem Stück unseres gemeinsamen Weges begleitet habt. Für eure Zeit, eure Worte, eure Gesten – für eure Präsenz.

Für einen Kreis, den wir gemeinsam geschlossen haben, und der noch immer weiter wird.

In Dankbarkeit,

Rabbi Avigail

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