Rabbinat Nachrichten

Die Dazwischenzeit

 

Manche Zeiten im Jahr haben einen Namen. Pessach. Schawuot. Rosch HaSchana.

Und dann gibt es Zeiten, die vor allem dazwischen liegen. Zwischenzeiten. Übergänge.

Doch Übergangszeiten sind keineswegs leere Zeiten oder Zeiten ohne Bedeutung. Die jüdische Tradition versteht es, nicht nur Gipfel, sondern auch Schwellen zu heiligen. Die Rabbiner widmeten einem besonderen Moment lange Diskussionen: dem Bein ha-Schmaschot, wörtlich „zwischen den Sonnen“- jenem flüchtigen Zeitraum, der nicht mehr Tag und noch nicht Nacht ist; eine mythische Dämmerung zwischen Welten, zwischen Kategorien, zwischen Gewissheit und Geheimnis.

Nicht zufällig lehrten sie, dass gerade in diesem Augenblick des Übergangs, am Vorabend des allerersten Schabbats, als die Schöpfung ihrer Vollendung entgegenging, einige der außergewöhnlichsten Dinge überhaupt erschaffen wurden:

„Zehn Dinge wurden am Vorabend des ersten Schabbats in der Dämmerung (Bein ha-Schmaschot) erschaffen: der Mund der Erde (der Korach verschlang), der Mund des Brunnens (der wundersame Brunnen in der Wüste), der Mund der Eselin (Bileams sprechende Eselin), der Regenbogen, das Manna, der Stab des Mose, der Schamir (der sagenhafte Wurm, der die Steine des Tempels schnitt), die Buchstaben, die Schrift und die Tafeln. Und manche sagen: auch die Dämonen, das Grab des Mose und der Widder unseres Vaters Abraham.“ (Mischna Awot 5,6)

Etwas Wunderbares geschieht in Zeiten des Dazwischen. Wenn wir unseren Griff nach Gewissheit lockern. Wenn wir uns zwischen Zeiten, zwischen Orten, zwischen Gedanken und Lebensabschnitten wiederfinden.

Allzu oft behandeln wir Übergangszeiten wie Wartezimmer- Zeitspannen, die es zu überstehen gilt, bis das „eigentliche Leben“ wieder beginnt. Die jüdische Tradition eröffnet eine andere Möglichkeit: Gerade in diesen Schwellenmomenten, wenn Gewissheit sich in Offenheit verwandelt, kann Neues entstehen. Unerwartetes kann hervortreten, und Wunder können geboren werden.

Und dies ist der Wunsch, den ich euch, liebe Gemeinde, für diese Zeit des Innehaltens mitgeben möchte: Mögen diese sechs Wochen für uns alle zu einer Art Bein ha-Schmaschot werden: zu einer Dämmerungszeit, in der unerwartete Begegnungen, neue Einsichten und stille Wunder entstehen können.

Ich freue mich darauf, euch im August wiederzusehen und zu hören, was in dieser Zwischenzeit für euch geboren wurde.

Ich wünsche euch einen friedlichen und gesegneten Sommer.

 
Eure,
Rabbi Avigail

Nach oben blättern