Rabbinat Nachrichten

Schawuot

„Ich bin JHWH: Wenn ihr in meinen Satzungen geht“
 
אֲנִ֖י יְהֹוָֽה׃ אִם־בְּחֻקֹּתַ֖י תֵּלֵ֑כוּ

„Wenn ihr in meinen Satzungen gehn, meine Gebote wahren und sie tun״ – mit diesen Worten beginnt Bechukotei, die letzte Parascha des Buches Wajikra (Levitikus), die wir jedes Jahr in den Tagen vor Schawuot lesen, dem Fest der Toragabe am Sinai.

Die Satzungen, das Fundament des Gesetzes, das Rückgrat des Bundes, die Zehn Gebote, das moralische Ethos des Volkes, sind etwas in dem man gehen soll. Mit ihnen. Auf sie hin. Wir haben uns daran gewöhnt, die Worte „Wenn ihr in meinen Satzungen geht“ zu hören, obwohl sie alles andere als selbstverständlich sind.

Das göttliche Gesetz ist kein Kodex, der dem Menschen auferlegt wird, sondern ein Weg, der sich vor ihm eröffnet. Es sperrt uns nicht in Gehorsam ein, sondern öffnet einen Pfad, eine Richtung, einen Horizont. Aus derselben Wurzel entsteht auch der Begriff Halacha: die fortwährende Praxis, göttliches Gesetz durch das Leben hindurchzutragen.

Ich erlaube mir, diesen ersten Satz gemeinsam mit den letzten beiden Worten der vorherigen Parascha, Behar, als eine einzige fortlaufende Zeile neu zu lesen: „Ich bin JHWH- wenn ihr in meinen Satzungen geht.“ Als wäre Gott nicht nur Ursprung des Gesetzes, sondern eine lebendige Gegenwart, die durch die Verwirklichung göttlicher Ethik in der Welt getragen wird.

Und was sind diese Satzungen, die am fünfzigsten Tag nach dem Auszug aus Ägypten, an Schawuot, gegeben wurden?

Im Zentrum des Sinai steht erstaunlich wenig Ritual. Kein Gebet, keine Opfer, kein ausgearbeitetes System von Kaschrutgesetzen. Stattdessen begegnet uns immer wieder dieselbe Forderung: zu ehren, zu erinnern, zu bewahren. Den Fremden, den Nächsten oder die Eltern nicht zu verletzen; das Land nicht zu zertreten, das Tier nicht zu missbrauchen, die Schöpfung nicht auf bloßen Besitz zu reduzieren. Vor allem aber ist es eine göttliche moralische Vision- eine Vision, die darauf besteht, dass Heiligkeit in der Weise sichtbar wird, wie Menschen gemeinsam die Welt bewohnen.

In den Satzungen zu gehen: Religion will uns weder aus dem Leben entfernen, noch selbst an die Stelle des Lebens treten. Sie will uns begleiten, während wir durch die Welt gehen- arbeiten, lieben, scheitern, uns ineinander verstricken. Sie ist keine Karte, die jede Unsicherheit beseitigt, sondern eine Weise, hindurchzugehen.

Die grundlegenden Satzungen des Sinai warnen uns davor, diese schwierige Aufgabe des Gehens in Erstarrung zu verwandeln, aus dem Gesetz selbst einen Götzen zu errichten, eine steinerne Skulptur der Religion: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“

Jeder Versuch, יהוה in etwas Abgeschlossenes, Absolutes, Erstarrtes zu verwandeln- in etwas, das man besitzen kann – ist bereits eine Form des Götzendienstes. In dem Moment, in dem wir Gottes Satzungen in starre Ideologie, Reinheitsvorstellungen, Nationalismus oder blinden Gehorsam verwandeln, hören wir auf, dem Ruf der Offenbarung am Sinai zu folgen, und beginnen stattdessen falschen Göttern zu dienen:

Göttern des Gehorsams.
Göttern der Reinheit.
Göttern von Blut und Boden.

Halacha war niemals dazu bestimmt, uns vom Leben zu entfernen. Sie war niemals dazu bestimmt, das Leben zu entweihen, sondern die Weise zu heiligen, in der wir in dieser Welt leben. „Ich bin JHWH- wenn ihr in meinen Satzungen geht.“ Denn der göttliche Name wird durch die Geschichte getragen durch die Weise, wie Menschen einander begegnen, durch die Weise, wie wir weiter aufeinander zugehen.

Mögen wir weitergehen auf den Wegen, die uns der Welt näherbringen.

Bis zum nächsten Sinai,

 
Eure,
Rabbi Avigail

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