Rabbinat Nachrichten

Purim

Viele jüdische Feiertage sind Feste der Offenbarung / הִתְגַּלּוּת – und wie das hebräische Wort selbst bewahrt: Feste des Enthüllens, des Sichtbarwerdens.

Purim jedoch ist eine seltsame Art von Fest: beinahe ein säkulares, ein Werktag, der sich als Feiertag verkleidet. Es scheint der Heiligkeit fern – ein Fest des Körpers, der Überfülle, der Trunkenheit und des ungezügelten Lachens. Das Buch Esther ist ein Text über Politik, Intrigen und Lobbyarbeit; über Rausch und Machtgier. Es ist ein Text ohne Gott und ohne ausdrückliche Göttlichkeit, ohne die Gewissheit dass Gott retten oder erlösen wird – ja sogar ohne sichtbare Akte des Glaubens.

Purim ist gewissermassen ein Rätsel.

Und doch liegt ein Hinweis auf seine tiefere Bedeutung in den Kostümen, im zentralen Akt der Verkleidung.

Im Hebräischen enthält das Wort für „Verkleidung“, הִתְחַפְּשׂוּת, das Verb לחפש – „suchen“. Mehr noch: Grammatisch lässt sich הִתְחַפְּשׂוּת als reflexive Form der Wurzel חפ״ש verstehen – also als ein aktiver Prozess des Suchens. Als würden wir an Purim nicht nur Masken tragen, sondern die Suche selbst anlegen.

Plötzlich beginne ich, Purim als ein Fest des Suchens zu begreifen – im Gegensatz zu Pessach, das ein Fest der Offenbarung und der göttlichen Enthüllung ist. An Purim feiern wir die Suche und setzen die Gewissheit der Entdeckung aus.

Was also ist der Unterschied zwischen Suchen und Offenbarung?

Suchen ist Bewegung – fortwährende Bewegung. Es weiss, dass es keine endgültige Gewissheit gibt, keinen Endpunkt, keinen unwiderlegbaren Beweis. Das Suchen hält uns wach, aufmerksam und vor allem offen. Es ist ein aktiver Akt – und ein Akt voller Verantwortung. Nicht nur die Verantwortung zu suchen, sondern die Verantwortung zu deuten, etwas als Hinweis zu erkennen und es in ein grösseres Bedeutungsgewebe einzuweben.

An Purim kann ein und dasselbe Ereignis Zufall sein, kluge politische Strategie, oder göttliche Bewegung. Wenn Mordechai zu Esther sagt: „Und wer weiss, ob du nicht gerade für eine solche Zeit zur Königswürde gelangt bist“ (Esther 4,14), dann ist das keine Prophezeiung – es ist eine Einladung. Eine Einladung, den Moment als mehr als Zufall zu lesen, als mehr als die natürliche und scheinbar einfache Ordnung der Dinge.

Die Suche bleibt offen – und hält auch uns offen. Im Suchen, im Übernehmen der Verantwortung für die Deutung, werden wir zu Partnerinnen und Partnern der Wirklichkeit: zu Mitgestaltenden, zu Mitwirkenden, zu solchen, die die Welt mit Göttlichkeit nähren.

So verändern sich auch Wunder: von dramatischen Eingriffen jenseits der Realität zu kleinen Momenten, in denen unsere Suche fruchtbar wird. Deutung wird zum Akt des Glaubens in einer Welt eines verkleideten Gottes – einer Welt, in der Gott מְחֻופָּשׂ ist: im Hebräischen zugleich „verkleidet“ und „gesucht sein will“.

Purim ist das Fest, an dem wir diese Suche feiern, prüfen und einüben. Mögen wir sie weiter feiern – nicht als vorübergehenden Zustand, der aufgelöst werden muss, sondern als unsere Weise, ein Leben zu führen, das von Göttlichkeit durchzogen ist.

פּוּרִים שָׂמֵחַ!

 
Eure,
Rabbi Avigail

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